Stadtentwicklung nach menschlichen Maß – Was ist die Alternative zu Primark und Co?

Herrn Trump und dem Klimawandel verdanken wir die einmalige Chance, darüber nachzudenken, wie wir wirklich leben wollen,  jenseits von Profitmaximierung und Ausbeutung. Zum Glück gibt es schon Vordenker, zum Beispiel den chilenischen Ökonomen und Träger das alternativen Nobelpreises Manfred Max-Neef.  Er hat die Ökonomie nach menschlichem Maß entwickelt. Der Arbeitskreis Recht auf Stadt hat das Konzept im  BonnLab diskutiert und ausprobiert, wie es sich für Bonn anfühlt.

Dort wo wir leben, lieben und arbeiten müssen wir zwei Dinge zusammenbringen:  Die Grenzen der Erde und die Bedürfnisse der Menschen – aller Menschen. In Bonn läuft in dieser Hinsicht gerade einiges schief. Der Verkehr nimmt zu als ob es keine Klimakatastrophe gäbe. Am Hauptbahnhof der Nachhaltigkeitsstadt Bonn wird demnächst ein Primark alle Reisenden empfangen. Der Megastore steht für Wegwerklamotten und Verschwendung von kostbaren Rohstoffen. Mit Sicherheit will niemand ernsthaft, dass die Erde künftig unbewohnbar wird. Dennoch zerstören wir sie täglich ein Stück mehr. Was die Wachstumsmaschinerie antreibt sind gefährliche Illusionen:

Illusion 1:  Es geht „nur“ um Energiewende. 

Unser überdrehtes Wirtschaftssystem bedroht nicht nur das Klima sondern viele Bereiche, von denen unser Leben auf der Erde abhängt. Insgesamt neun Systeme ermöglichen das Leben hier auf der Erde, hat ein renommiertes internationes Wissenschaftlerteam um Johan Rockström in den Jahren 2009 und 2015 festgestellt. Davon sind vier bereits im kritischen oder sogar roten Bereich: Unser Landverbrauch ist zu hoch, wir vernichten Tier und Pflanzenarten im Minutentakt,  wir verseuchen Gewässer und Meere mit künstlichen Düngemitteln wie Phosphor und Stickstoff  und  das Klima steht auf der Kippe (siehe Abbildung 1).  Klimawandel ist nur ein Symptom von vielen, die anzeigen, dass wir auf einem Selbstzerstörungskurs sind. Die gute Nachricht ist: Rund um die  Grenzen der Erde ist nun eine internationale  Forschung entstanden, die untersucht, wie unsere Welt aussieht, wenn wir innerhalb dieser Grenzen leben und arbeiten. Bürgerschaftliche Initiativen spielen dabei eine  wichtige Rolle ( Forschung zu Grenzen der Erde ).

Dei Grafik zeigt neun Grenzen der Erde, drei davon sind bereits im roten Bereich: Artensterben, Klimawande und Stickstoff- und Phosphorkreisläufe

Illusion 2:  Wachstum = Wohlbefinden.

Die Wissenschaftler Richard Wilkinson und Kate Pickett konnten in zahlreichen Publikationen zeigen, wie wenig das Einkommen zum Wohlbefinden der Menschen beiträgt. Ein Minimum an Einkommen ist wichtig beispielsweise für Gesundheitsvorsorge und Bildung.  Doch die Grenze des Notwendigen ist schnell erreicht. Das Bruttosozialprodukt in Costa Rica, Malta oder Chile ist nicht einmal halb so hoch wie das in Deutschland oder USA. Dennoch ist dort die Lebenserwartung höher.  Das, was Gesellschaften zufrieden und gesund macht, ist eine möglichst geringe Ungleichheit zwischen den Armen und den Reichen, fanden sie heraus. Gerechte Gesellschaften führen dazu, dass alle gesünder und glücklicher sind, sowohl die Reichen als auch die Armen.

Lebenserwartung und Bruttosozialprodukt nach Ländern

 

 

 

 

 

 

 

 

Illusion 3: Der Sinn der Ökonomie ist Gewinnmaximierung

Oikos heißt Haushalt. Ökonomie ist die Kunst das Haushaltens mit knappen Mitteln und zwar so, dass langfristig die Bedürfnisser aller erfüllt werden, meinte der griechische Gelehrte Aristoteles. Etwas ganz anderes ist nach Aristoteles die Chrematistik. Sie ist die Kunst des Geldanhäufens in den Händen weniger. Offensichtlich sind wir nach dieser Definition von einer echten Ökonomie noch weit entfernt.

Wie aber sieht eine Gesellschaft aus, die langfristig die Bedürfnisse aller erfüllt? Was überhaupt sind menschliche Grundbedürfnisse? Zu den  bekanntesten Modellen gehört die Bedürfnispyramide des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow. Er hat den  physiologischen Bedürfnisse wie Essen, Wärme und Schlaf Vorrang vor allen anderen Bedürfnissen eingeräumt. Die Pyramide erweckt allerdings den Anschein, dass Materielles zuerst kommt und am wichtigsten ist.

Bedürfnispyramide nach Abraham MaslowGanz anders das Bedürfnismodell des chilenischen Ökonomen Manfred Max-Neef.  In Zusammenarbeit mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen entdeckte er, dass auch die Arme über große „Reichtümer“ verfügen,  zum Beispiel Respekt, Solidarität oder auch Kreativität.  Nach langjähriger Arbeit entwickelte er das Konzept der neun universellen Grundbedürfnisse.  Dazu gehören neben dem materiellen Grundbedarf, auch Freiheit, Sicherheit, Zuneigung, Schutz oder auch Teilhabe.  Alle sind gleichermaßen wichtig für ein gutes Leben.  Ein Beispiel für die große Bedeutung nichtmaterieller Bedürfnisse, sind  die vielen Menschen, seien es Journalisten oder Demonstranten, die Schutz, Sicherheit und sogar ihr Leben riskieren, wenn ihre Freiheit radikal eingeschränkt wird.

9 universelle Grundbedürfnisse nach Manfred Max-Neef

Mit dem Modell der universellen Grundbedürfnisse öffnet sich ein neuer Blick auf den Sinn des Lebens und Wirtschaftens.  Wenn Kreativität, Muße oder auch Zuneigung  zu den elementaren menschlichen Grundbedürfnissen gehören, dann ist es genauso „ökonomisch“ sie zu erfüllen, wie das Bedürfnis nach Nahrung oder Kleidung.  Das Modell eignet sich daher, um zu analysieren, wie gut oder schlecht die Bedürfnisse von Menschen in einer Region erfüllt werden. Es eignet sich auch als Grundlage für eine Stadtentwicklung rund um die elementaren Grundbedürfnisse des Menschen. Auch um dieses Konzept hat sich mittlerweile eine internationale Wissenschaftlergemeinschaft gebildet, die damit arbeitet.  Am Umweltforschungszentrum Leipzig wird derzeit untersucht, inwieweit Energiegenossenschaften zu einer Entwicklung nach menschlichem Maß beitragen können .

Das Experiment:  Unser Grundbedürfnisse in dieser Stadt

Wie würde ein Bahnhofsvorplatz aussehen, der Identität, Muße und Kreativität der Bürger stärkt?  Wie würde das Viktoriaviertel aussehen, wenn es neben dem Grundbedarf auch unser Bedürfnis nach Teilhabe, und Identität befriedigt? Wie müsste ein Arbeitsplatz gestaltet sein , der unserem Bedürfnis nach Kreativität und Muße gerecht wird? Das waren Fragen die gut ein dutzend Teilnehmerinnen beim REconomy Workshop diskutierten. Hier ein paar Antworten  – nachdenklich und inspirierend.

Gedanken zum Bahnhofsvorplatz

REconomy Workshop im BonnLab„Am Bahnhofsvorplatz sind die Bonner oft. Das geplante Continental Hotel ist kein Einzelhandel. Es spiegelt wieder, wie die Stadt agiert. Es stiftet auch Identität. Auch Primark stiftet Identität. Diese Identität ist deutlich anders als das was wir uns wünschen, nämlich: grün, gesund, ökologisch, interkulturell,  sozial“.

„Das was jetzt passiert lässt die Muße nicht zu. Der Verkehr zerstört die Ruhe. Man müsste Verweilplätze schaffen, auf denen man gerne ist, die gemütlich sind, sauber und nicht kalt im Winter,  es sollte nicht-kommerzielle Orte geben, Orte zum Mitmachen, zum Beispiel Lesungen, Yoga.  Es könnte alternative Wegweiser geben, witzig gestaltet, die zu interessanten Orten verweisen, und einen witzigen Bonner Stadtplan mit kleinen und lokalen Läden“.

Wer die Grenzen der Erde nicht achtet, zerstört sie

Die Forschungsergebnisse zu den planetarischen Grenzen zeigen deutlich:  Es gibt keine  „neutrale“ Stadtentwicklung mehr. Wer die Grenzen der Erde nicht achtet, zerstört sie.  Diese Botschaft ist im übrigen auch schon in Bonner Rathaus angekommen. Erst kürzlich sagte der ehemalige Umweltminister Prof.  Klaus Töpfer im vornehmen Gobelinsaal:   Es geht nicht mehr um Wachstum sondern um einen kontrollierten Rückbau.  Ressourcenerschöpfung und Klimawandel sind aber nicht nur ein Risiko für das Überleben der menschlichen Spezies auf dieser Erde, sondern auch die einmalige Chance und Not-Wendigkeit grundlegende  Fragen zu stellen:

  • Was bedeuten die Grenzen der Erde hier in Bonn für uns?
  • Und wie können wir dafür sorgen, dass wir langfristig die Bedürfnisse aller erfüllen?

Um diese Fragen zu beantworten brauchen wir das Know How und die Herzen aller Beteiligten, der Bürger*innen, der Investor*innen, der Stadtplaner*innen, der Verwaltung und auch der Politik.

Gesa Maschkowski

Mehr zum Thema

  • Die „Entwicklung nach menschlichem Maß“ ist Teil des REconomy Ansatzes, der von der Transition Town Bewegung entwickelt wurde.  REconomy steht für ein internationales Netzwerk der Transition Town Initiatven. Das Ziel ist es, die lokale Wirtschaft nachhaltig, resilient und fair zu gestalten. Dazu wurden vielfältige Aktionsformate entwickelt, zum Beispiel das lokale Unternehmerforum.  Bonn im Wandel bietet dazu Workshops an.
  • Artikel von Inez Aponte, den sie im Rahmen der REconomyreihe von Bonn im Wandel veröffentlicht hat: Eine neue Geschichte der Ökonomie .  
  • Interview mit Manfred Max-Neef: Warum die USA zu einem unterentwickelten Land werden

 

 

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