Speedtalk1: Wie geht Transition – oder was passiert nach der Klimademo?

FridaysForFuture wird wirkungslos bleiben, wenn wir nicht ernsthaft  anfangen Veränderung zu gestalten. Wie aber schaffen wir es, eine miefige, stressige Stadt in einen Ort zu verwandeln, an dem wir uns alle wohlfühlen? Wir werden wir weniger abhängig von begrenzten Rohstoffen wie Öl und Gas? Die Transition Bewegung erprobt und gestaltet seit Jahren Veränderungsprozesse. Hier die wichtigsten Werkzeuge. Dies ist der erste Speedtalk von unserem Transition Abend zum Nachlesen. Von Gesa Maschkowski, Mitgründerin von Bonn im Wandel und Transition Trainerin.

Klimaaktivistin Greta Thunberg mit Mikro
Quelle: https://www.facebook.com/tagesschau/photos/a.10151270623184407/10157306420584407/?type=3&theater

Die Fridays4Future Demos sind ein klares Zeichen für die Erkenntnis:  Es geht nicht so weiter. Es an der Zeit „Nein“ zu sagen, zu allem, was dem Leben schadet.  Die Probleme sind nicht neu. Wir kennen sie seit Jahrzehnten. Dass Kinder und Jugendliche jetzt auf die Straße gehen, heißt:  Das eigentliche Problem ist: Wir sind bisher falsch mit diesen Problemen umgegangen. Die ganze  Informations- und Aufklärungspolitik hat versagt, sie funktioniert nicht.  So schrieb der wissenschaftliche Beirat für Verbraucher und Ernährungspolitik des Bundeslandwirtschaftsministeriums schon im Jahr 2013:

„Die seit 1990 erreichten Einsparungen wurden durch zusätzlichen Ausstoß an Treibhausgasen in anderen Ländern für die Produktion in Deutschland konsumierter Produkte vollständig kompensiert. Ähnliches gilt für den Ressourcenkonsum und die Flächenbeanspruchung“.
Statt 2,5 Tonnen CO2 Tonnen CO2 emittiert jede`*r Deutsche durchschnittlich 10 Tonnen. Die Frage ist also: Was passiert nach der Demo? Wenn es nicht  am  Wissen fehlt, dann fehlt es offensichtlich an intelligenten Veränderungsprozessen. Also wie gestalten wir den dringend notwendigen Wandel? Und wozu sagen wir Ja?

Transition-Strategie 1: Wir brauchen Zeit und Raum, um Zukunft gemeinsam neu zu denken

Menschen unethalten sich in der Ermekeilkaserne
Auftakt der Essbaren Stadt – Foto Gesa

Das Besondere an der Transition Bewegung ist: Sie fragt nicht nur, was wir tun müssen, um die Erde zu  bewahren. Sie fragt auch, was Menschen brauchen, damit sie dies tun können. „Ja“ sagen, heißt: Wir brauchen die besten Ideen, um herauszufinden, wie es anders geht. Wir Menschen sind ziemlich schlecht im Planen. Das sieht man an Weihnachten. Weihnachten kommt immer plötzlich. Wenn wir nicht plötzlich vor dem Aus stehen wollen, dann brauchen wir Pause, Zeit und  Raum, um gemeinsam zu überlegen: „Wie soll mein Stadteil in 20-30 Jahren aussehen, damit wir ein echt nachhaltiges Leben führen können ?“ Die Frage stellen sich Transition Initiativen auf der ganzen Welt.  Es passiert etwas Besonderes wenn man zusammen über eine positive Zukunft nachdenkt.  So ist auf dem Bonn im Wandel Visionsevent 2012 die Initiative für eine SoLaWi in Bonn entstanden. Heute machen über 200 Haushalte mit. „Veränderung geschieht durch Erfahrungen in Begegnungen“, hat der Pychologe Carl Rogers im Jahr 1961 geschrieben.

Veränderungs-Strategie 2: Wir brauchen Gelegenheit, Menschen und Orte, um heute mit der positiven Zukunft anzufangen.

Menschen bohren Löcher in Eimer
Die Teilnehmer des 2. SOLAWI-Kompostworkshops upcyceln Eimer zu Balkonkomposten und Bokashieimern (Foto von Cammille Moreau).

Die Beste Vision ist nichts wert, wenn man nicht anfängt, sie umzusetzen.  Ich mag dieses Foto von dem SoLaWi-Kompostworkshop sehr. Es zeigt drei Dinge: Wer etwas verändern will, muss etwas tun. Denn Handeln hat eine große Kraft, gemeinsames Handeln noch mehr. Gemeinschaftsaktionen brauchen Orte, an denen man sich treffen kann, Werkzeuge, Menschen, die in der Lage sind sie zu organisieren und schön zu gestalten. Wir brauchen nicht nur Begeisterung, wir brauchen auch die Fähigkeit sich gut miteinander zu organisieren. Und: Je größer das Projekt, desto besser müssen wir es organisieren, damit alle mitmachen können.

Veränderungs Strategie 3: Wir brauchen andere Strukturen, die das nachhaltige Leben schön und einfach machen,   ….nicht nur für Hühner

Ehemaliges Hühnermobil SoLaWi BonnEs reicht einfach nicht aus, den Menschen zu sagen, dass sie auf kurze Autofahrten verzichten sollen. Wir müssen Platz schaffen, damit Lastenräder fahren und parken können.  Es funktioniert auch nicht Primarks vor den Hauptbahnhof zu bauen und zu sagen „Kauft bitte nur nachhaltige Kleider“. Genauso wenig funktioniert es, den Menschen zu sagen, dass sie Bioregio-Produkte essen sollen. Denn es gibt nur 5 % Biotomaten in der Region.

Wir  müssen unsere eigenen Lebensbedingungen nachhaltiger und schöner machen, nicht nur die für Hühner. Wenn wir wollen, dass mehr Menschen regionales und fair angebautes Gemüse essen können, dann müssen wir  dafür sorgen, dass es wieder mehr Landwirte gibt, die es anbauen und davon leben können. Die 1. SoLaWi Bonn und mindestens fünf andere Solawis, die mittlerweile im Rheinland entstanden sind, zeigen, dass das möglich ist. Man kann mit 200 Haushalten gemeinsam einen Hof finanzieren und jede*r zahlt was er kann. Wenn wir aber alle faires Biogemüse essen wollen, dann muss hier noch viel mehr passieren.

Veränderungsstrategie 4: Gemeinsam können wir mehr erreichen

Viele Organisationen und Projekte die mit Bonn im Wandel in Verbindung stehen

Gemeinsam können wir viel mehr erreichen. Hier seht ihr Projekte, die von Bonn im Wandel mit angestoßen wurden oder sich uns  zugehörig fühlen (orange) und einige Kooperationspartner*innen (weiß).  So können aus kleinen Gruppierungen je nach Thema und Bedarf schnell eine große Anzahl von Menschen werden.  Je größer das Netzwerk allerdings, desto höher auch der Koordinationsaufwand.

Die wichtigsten Zutaten für den Wandel auf einen Blick

Echse mit den 8 wichtigsten Zutaten für den Wandel jedes Körperglied steht für eine Zutat
Veränderung ist möglich, das zeigen viele Transition Initativen aber auch viele andere Bewegungen weltweit. Das Transition Tier zeigt die wichtigsten Erfolgsfaktoren: Wenn wir uns ein Herz fassen und über eine positive Zukunft austauschen, wenn wir anfangen gemeinsam zu handeln und darauf achten, dass wir gut miteinander umgehen, dann haben wir gute Chancen, dass das Transition Tier vorwärts kommt.

Nicht nur die Erde braucht Pflege sondern auch das  Miteinander

Den größten Entwicklungsbedarf für Veränderungsprozesse sehe ich im Bereich „Gute Kultur der Zusammenarbeit“. Das haben wir leider nicht gelernt. Wir wurden von klein auf auf Leistung und Konkurrenz trainiert. Wir müssen nun umlernen. Lernen was eine Gruppe braucht, damit Vertrauen entsteht, damit  jede*r sein und ihr  Bestes geben kann. Wenn es uns gelingt, ein gutes Miteinander aufzubauen, dann kann das beglückend und kraftvoll sein. Für den großen Gesellschaftswandel braucht es daher nicht nur gute Ideen und  Begeisterung, sondern auch die Fähigkeit, wirksam und gut zusammenzuarbeiten.  Dafür gibt es faszinierende Werkzeuge. Inspiration für meine Arbeit als Prozessbegleiterin gibt mir die Soziokratie, die Arbeit von Nick Osborne zu Conscious Collaboration aber auch die Wildnispädagogik.

Fazit: Wir brauchen Transitionprozesse auf allen gesellschaftlichen Ebenen

Transition Initiativen sind  Reallabore für Veränderung. Sie experimentieren mit dem Wandel im Kleinen. Solche Reallabore braucht es in allen Stadtteilen, auf allen Ebenen der Gesellschaft und in allen Organisationen und Institutionen. Es braucht Räume, Werkzeuge und Menschen, die solche Prozesse gestalten und unterstützen. Wenn wir wirklich Veränderung wollen, wenn wir raus wollen aus der Sackgasse, in die wir uns viele Jahrzehnte hineinmanövriert haben, dann geht das nicht nur abends zwischen 8 und 12 Uhr nachts. Dann müssen wir uns dafür Zeit, nehmen und Know How und Geld investieren. Sonst müssen wir unseren Kindern und Enkeln irgendwann in die Augen sehen und sagen: Sorry, wir hatten keine Zeit, dieses unsägliche Drama zu stoppen.

Gesa Maschkowski ist Mitgründerin von Bonn im Wandel und der ersten Solidarischen Landwirtschaft in Bonn. Sie arbeitet als Transition Trainerin bundesweit und auch im internationalen Kontext. Kürzlich hat sie ihre Promotion an der Universität Bonn eingereicht  zur Frage welche Art der Kommunikation Verhaltensveränderungen unterstützt.

Quelle des Titelbildes:  https://www.pinterest.de/pin/411235009702973510/

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