Bonn4Future-Kommunikationsakademie: Wie transformative Klimakommunikation funktioniert

Es gibt kaum etwas Faszinierenderes, als die richtigen Ideen zum richtigen Zeitpunkt zusammenzubringen: Mit der Klimapsychologin Janna Hoppmann und 30 Bonner Klimaaktiven haben wir in der Bonn4Future-Akademie neue Wege für eine transformative Klimakommunikation ausprobiert. Hier sind unseren zentralen 7 Tipps für eure Praxis.

Das Wissen ist da, und jetzt?

Spätestens seit Fridays for Future ist Klimaschutz in aller Munde: Die wenigsten Menschen leugnen die drastischen Folgen der Klimakrise. Die Mehrheit wünscht sich von unseren Regierungen mehr Mut im Klimaschutz. Was wir jedoch immer wieder erleben: Wir scheitern als Engagierte daran, andere ausreichend zu nachhaltigem Verhalten zu motivieren. Die Vermittlung von dramatischen wissenschaftlichen Fakten reicht anscheinend nicht, damit Menschen ihr Verhalten ändern! Warum liegen die Fakten auf dem Tisch, die Mehrheit glaubt daran und dennoch bleibt die dringend notwendige und tiefgreifende Transformation in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik aus? Und: Wie können wir das ändern?

Psychologie und Klimaschutz: Auf der Suche nach gelingender Klimakommunikation

Wie können wir die Menschen erreichen und motivieren, dass wir schneller den Wandel zu Nachhaltigkeit und Klimaneutralität bewirken? Oder anders gesagt: Wie sollten wir über Klimaschutz und Klimakrise kommunizieren? Mit dieser Frage beschäftigt sich die Klimapsychologin Janna Hoppmann. Sie bringt wissenschaftlich fundierte Theorien und Modelle aus der Psychologie in die Praxis. Auf diese Weise unterstützt sie Gruppen und Individuen dabei, Klimavorhaben wirkungsvoll umzusetzen und angemessen über die Klimakrise zu kommunizieren.

7 Praxistipps aus der Bonn4Future-Kommunikationakademie

An den drei Workshoptagen unserer Akademie haben wir mit Janna erfolgreiche Klimakommunikation kennengelernt und erprobt. Wir haben erarbeitet, was klassische Missverständnisse in der Klimakommunikation sind. Wie wir stattdessen kommunizieren sollten und was die unterschiedlichen Zielgruppen ausmacht, die wir ansprechen wollen. Während der Akademie haben wir immer wieder diskutiert, wie wir diese klimapsychologischen Inhalte praktisch und konkret auf unsere Stadt Bonn und unsere Klimabewegung übertragen können. Dabei haben wir uns zu Anfang ehrlich und manchmal schonungslos selbst analysiert und uns dann mit unseren neuen Erkenntnissen für die Zukunft motiviert. Einige dieser Tipps möchten wir nun gerne mit euch teilen.

Überlegt doch mal, wie ihr euer eigenes Klimaschutzvorhaben
mit diesen Tipps wirkungsvoller gestalten könnt!

Am Ende findet ihr die Kommunikationshilfe „CANVAS Klimakommunikation“ von Janna Hoppmann, die wichtige Erkenntnisse der Forschung vereint und leicht für unsere Praxis anwendbar macht.

Aber jetzt geht es los mit unseren Tipps für wirkungsvolle Klimakommunikation:

Tipp 1: Überlege dir, wen du ansprechen möchtest

Bevor wir ein Gespräch über die Klimakrise beginnen, lohnt es sich darüber nachzudenken, wen wir mit unserem Vorhaben eigentlich ansprechen wollen. Überlege dir, welche Werte für dein Gegenüber im Vordergrund stehen und welche Wahrnehmungen die Person wohl bezüglich der Klimakrise hat. Wenn du dich in den psychologischen Standort deiner Zielgruppe hineinversetzt und weißt, was sie braucht, kannst du sie besser und direkter erreichen. Um die Bedürfnisse deiner Zielgruppe besser zu verstehen, kannst du dir folgende Fragen stellen:

Benötigt die Zielgruppe mehr Informationen über die Konsequenzen des eigenen Verhaltens? Oder eher konkrete Handlungsmöglichkeiten, mehr Selbstwirksamkeitsgefühl und Unterstützung in der konkreten Planung des nächsten Schritts?

Oder ist die Zielgruppe schon voll dabei und braucht eher Unterstützung dabei, die entwickelten Gewohnheiten aufrechtzuerhalten?

Nach einer Studie von More In Common (2021) gibt es sechs gesellschaftliche Typen, die sich durch unterschiedliche Werte auszeichnen:

    1. Die Offenen: Sie streben nach Selbstentfaltung, sind weltoffen und denken kritisch.
    2. Die Involvierten: Auffallend ist ihr Bürgersinn. Sie zielen auf ein gemeinsames Miteinander ab und verteidigen Errungenschaften.
    3. Die Etablierten: Sie kennzeichnen sich durch Zufriedenheit und Verlässlichkeit und streben nach gesellschaftlichem Frieden.
    4. Die Pragmatischen: Sie steuern Erfolg und privates Fortkommen an. Kontrolle liegt ihnen näher als Vertrauen.
    5. Die Enttäuschten: Sie wollen Gerechtigkeit. Sie sind von verlorener Gemeinschaft und fehlender Wertschätzung frustriert.
    6. Die Wütenden: Sie zeichnen sich durch Systemschelte und Misstrauen aus. Sie streben nach einer nationalen Ordnung.

Wichtig: Bei den Segmenten handelt es sich um nach gemeinsamen Werten geclusterte Gruppen, die unsere komplexe und diverse Gesellschaft stark vereinfacht abbilden – damit wir leichter damit arbeiten können. Wir sollten uns davon aber nicht zu vorschnellen Urteilen und stereotypen Denkmustern verleiten lassen.

Denke darüber nach, welcher Zielgruppe dein Gegenüber angehört und schaffe eine Verbindung zu dem, was ihn oder sie am meisten umtreibt. Auf diese Weise kannst du dein Gegenüber direkt persönlich erreichen und für das Gespräch gewinnen.

Tipp 2: Reflektiere deine eigene Haltung

Außerdem ist es als Vorbereitung wichtig, dass wir unsere eigene Haltung zu unserer Zielgruppe bzw. dem Gegenüber reflektieren. Wir sollten eine wertschätzende und empathische Haltung gegenüber Mitmenschen immer in den Mittelpunkt rücken. Auch während des Gesprächs solltest du dir immer wieder bewusst machen, ob und welche Vorurteile du gegenüber deinem Gegenüber hast. Arbeite aktiv daran, auf Augenhöhe zu bleiben und nicht von oben herab zu kommunizieren. Menschen fühlen sich persönlich in ihrem Selbstwert angegriffen und wehren Gespräche ab, wenn du den moralischen Zeigefinger hervorholst. Sprich deinem Gegenüber stets die Verantwortlichkeit für das eigene Handeln und die Fähigkeit zu, sich selbst verwirklichen und weiterentwickeln zu können.

Selbst wenn es dir manchmal schwer fallen sollte, dein Gegenüber zu verstehen oder geduldig zu bleiben: Du wirst merken, dass ihr so in ein persönliches und offenes Gespräch auf Augenhöhe kommen könnt, das Wirkung entfaltet.

Tipp 3: Zeige Neugier und echtes Interesse

Um ein persönliches und offenes Gespräch aufrecht zu erhalten, bringe deinem Gegenüber auch ehrliche Neugier entgegen. Zeige, dass du dich für dessen Meinung interessierst. Gib im Gesprächseinstieg nicht direkt den Ton an, sondern beginne mit einer offenen Frage, die deinem Gegenüber zeigt, dass du ihn oder sie als Gesprächsteilnehmende wertschätzt. Beginne doch damit zu fragen: “Was bedeutet denn für dich die Klimakrise? Was beschäftigt dich in der Klimadebatte? Welche Gefühle löst die Klimakrise bei dir aus?”

Echtes Interesse ist wie ein Schlüssel, um andere Menschen aufzuschließen.

Es geht um Einfühlung und Offenheit. Auf diese Weise baust du eine persönliche Beziehung auf und öffnest dein Gegenüber gleichzeitig auch für deine eigene Sichtweise.

Tipp 4: Betone Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten

Du kannst außerdem darüber nachdenken, welche Gemeinsamkeiten du und dein Gegenüber haben, um so die persönliche Verbindung weiter aufzubauen. Lade zum gemeinsamen Gespräch ein. Gemeinsamkeiten dienen als Verbindungsfaden und sorgen für eine positive Grundstimmung.

Soziale Verbundenheit ist ein menschliches psychologisches Grundbedürfnis. Soziale Ablehnung hingegen ist eine psychologische Barriere, die Menschen am Handeln hindert. Menschen fürchten die soziale Ablehnung durch eine Gruppe und verhalten sich deswegen entsprechend der sozialen Norm.

Über Gruppenzugehörigkeit und Gemeinschaftsgefühl kann diese Barriere überwunden werden. Richte den Fokus darauf, dass durch nachhaltiges Handeln neue Gemeinschaft gewonnen werden kann. Erzähle von positiven Gemeinschaftserlebnissen, die du gemeinsam mit deiner Gruppe im Klimaschutz erfahren hast, und dass alle willkommen sind.

Tipp 5: Respektiere die Autonomie der anderen Person

Respektiere dein Gegenüber als eigenständige und kompetente Person. Autonomie ist ein weiteres menschliches psychologisches Grundbedürfnis. Erkläre deinem Gesprächsteilnehmenden, dass er oder sie Teil des Wandels sein kann und stärke so auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass Personen die innere Überzeugung haben, dass sie mit ihrem Handeln etwas bewirken können und dass sie herausfordernde Situationen aus eigener Kraft meistern können. Verständlicherweise löst die Klimakrise bei vielen das Gefühl aus, dass sie eh nichts bewirken können. Viele hadern mit dem Eindruck, dass die Klimakrise zu groß und zu komplex ist, um sie als Mensch aufhalten zu können. Zeige deinem Gegenüber Handlungsmöglichkeiten auf, um aus den Ohnmachtsgefühlen heraus und in Selbstwirksamkeitserleben zu kommen:

Du kannst beispielsweise aufzeigen, dass innerhalb einer Gruppe gemeinsam für Klimaschutz mehr erreicht werden kann. Zusammen können Innenstädte begrünt, Fahrgemeinschaften gegründet oder Foodsharing organisiert werden. So appellierst du auch gleichzeitig an das Gemeinschaftsgefühl.

Wichtig: Die Klimakrise ist ein globales Problem, das aus den jahrhundertelangen Emissionen vieler Millionen Menschen vor allem in unseren Industrienationen entstanden ist. Wir sind kollektiv dafür verantwortlich. Und lösen können wir sie auch nur gemeinsam. Wir können im Kleinen bei uns anfangen, doch die großen Emissions-Hebel können wir nur gemeinsam bewegen – und sie bewegen sich wenn wir es tun!

Tipp 6: Erzähle eine Geschichte

Über eine Geschichte werden deine Inhalte außerdem emotional greifbarer. Gutes Storytelling weckt bei deinem Gegenüber Interesse und löst Emotionen aus. Du wirst dein Gegenüber nicht allein mit Fakten überzeugen können. Überlege dir, welche Gefühle du mit deiner Geschichte auslösen willst. Möchtest du Freude auslösen? Erzähle doch von einer Situation, in der dir nachhaltiges Handeln richtig Spaß gemacht hat. Vielleicht findest du sogar eine Möglichkeit, dass sich dein Gegenüber mit der Geschichte identifizieren kann. Habt ihr vielleicht schon einmal etwas ähnliches erlebt? Ermutige dein Gegenüber, selbst eine Geschichte zu erzählen und lade die Person ein, Erfahrungen mit dir zu teilen!

Tipp 7: Überlege dir positive und zuversichtliche Bilder

Denke daran, neben der dramatischen Faktenlage auch positive Zukunftsvisionen und hoffnungsvolle Szenarien zu kreieren. Panik und Angst führen zu Ohnmachtsgefühlen. Katastrophenszenarien und überwältigend negative Gefühle halten uns vom Handeln ab. Menschen schützen sich, indem sie selbstwertbedrohliche Informationen verdrängen. Zeige deinem Gegenüber stattdessen auf, was für ein Gewinn aus einer nachhaltigen und klimaneutralen Lebensweise gezogen werden kann und wie lebenswert eine solche Zukunft ist. Statt an Angst und Panik zu appellieren, dass Autoabgase gesundheitsschädlich sind und zu Lungenkrankheiten führen und Verkehrslärm zu psychologischen stressbedingten Erkrankungen führt, versuche doch mal ein positives Bild zu skizzieren:

Eine autofreie Innenstadt hat fantastische Auswirkungen auf unsere
körperliche und mentale Gesundheit. Und zusätzlich öffnen sich so im Stadtbild mehr Räume für zwischenmenschliche Begegnungen.“

Deine „CANVAS“ zur Klimakommunikation

Du hast jetzt neuen Mut gefunden, andere anzusprechen? Du freust dich darauf, dich darauf vorzubereiten? Dabei kann dir dieses Planungstool von Janna Hoppmann für eine strategische Kommunikation über dein Klimaprojekt helfen:

(c) Janna Hoppmann

Über die meisten Punkte haben wir in den sieben Tipps schon gesprochen. Für deine persönliche Canvas fehlen nur noch zwei Dinge:

Dein Wirkungsziel: Was möchtest du mit deinem Gespräch eigentlich erreichen? Überlege dir genau, welche Absichten du tatsächlich mit deinem Gespräch verfolgst. Das hilft dir dabei, dich auf das wesentliche zu fokussieren und nicht abzuschweifen. Auf diese Weise kann sich auch dein Gegenüber besser auf das Gespräch einlassen und wird nicht mit Informationen überflutet.

Dein Framing: In welchem Kontext soll dein Gespräch stehen? Mache dir Gedanken darüber, wie du deine Botschaften formulierst. Das bildet den Gesprächsrahmen und gibt die Atmosphäre des Gesprächs vor.

Eine vollständige Anleitung wie du mit der CANVAS Klimakommunikation von Janna arbeiten kannst findest du hier: https://klima-psychologie.de/praxisanleitungen/die-7-schritte-zu-transformativer-klimakommunikation-die-canvas-klimakommunikation-im-ueberblick/

Worauf wartest du noch?

Selbstverständlich könnt ihr nicht von heute auf morgen alles direkt umzusetzen, was ihr euch vorgenommen habt und das müsst ihr auch gar nicht. Vielleicht fangt ihr bei einer Sache an und probiert im nächsten Gespräch aus, wie es für euch funktioniert. Viel Spaß und Erfolg bei der Umsetzung!

Mehr über die Arbeit von Janna Hoppmann: https://klima-psychologie.de/

Die aktuelle Studie des More in Common Instituts von 2021  dazu, wie die deutsche Gesellschaft in der Klimafrage tickt: https://www.moreincommon.de/klimazusammenhalt/

Die Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamtes von 2020: https://www.umweltbundesamt.de/daten/private-haushalte-konsum/umweltbewusstsein-umweltverhalten

Titelfoto: Gesa Maschkowski
Text: Alex Wernke, Maria Vreden Bascon, Janna Hoppmann
Grafik: Jai Wanigesinghe (Mehr Infos: https://www.jaiwanigesinghe.net/)

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