Die Welt selbst ein bisschen ändern – 1. Bonner verpackungsfreier Laden geht an den Start

DIe Geografin Hilke Deinet gehört zu den Gründerinnen der 1. Solidarischen Landwirtschaft in Bonn, die vor gut einem Jahr startete. Seitdem hat sich viel in ihrem Leben verändert. Jetzt wagt sie sich an das nächste spannende  Projekt, das unsere Region ein Stück nachhaltiger machen soll. Am 24. Mai öffnet sie zusammen mit ihrem Mann Tim den ersten verpackungsfreien Laden von NRW – „Freikost Deinet“. Hier trifft man sich künftig beim Kaffee oder Mittagstisch, kann Frisches und Leckeres aus der Region einkaufen, sorgsam ausgewählte Produkte aus fairer und biologischer Erzeugung aus Lebensmittelspendern zapfen und verpackungsfrei einkaufen. Die beiden Gründer suchen jetzt Mitglieder und natürlich auch Kunden, die das innovative Konzept gut finden und unterstützen, denn auch der Laden soll nach dem Solidarprinzip aufgebaut werden.

SophieZum Interview treffen wir uns im neuen Ladenlokal am Ende der Duisdorfer Fußgängerzone. Die Fenster sind noch mit Folie abgeklebt, an allen Ecken und Enden wird gewerkelt. Freunde schwingen die Farbrollen. Maurice, der Schreiner hat gerade das Obst- und Gemüseregal vermessen, Hilkes Vater schraubt an den Küchenmöbeln und in der Küche steht der große Suppentopf von Hilkes Mutter. Wir sitzen im kleinen Büro mit sonnengelber Wand und Guckfensterchen zum Ladenlokal.

Bald ist es soweit, in wenigen Wochen öffnet Ihr Euren verpackungsfreien Laden, wie fühlt sich das an?

Hilke: Sehr aufregend und auch sehr anstrengend, weil einfach unglaublich viel zu tun und zu bedenken ist. Es bleibt ganz wenig Zeit, um zu spüren, dass wir hier gerade einen lang ersehnten Traum realisieren. Aber in den kurzen Momenten, in denen mir bewusst wird, was wir hier eigentlich gerade auf die Beine stellen, bin ich ganz geplättet vor Vorfreude.

Und wie ist dein Gefühl, Tim?

Tim: Gut. Es ist sehr viel Arbeit. Die Nächte sind schon lange kurz und die Tage lang. Eigentlich bleibt momentanMaurice und Hilke keine Zeit zu fühlen wie es sich anfühlt. Aber wir wissen worauf wir hinarbeiten.

Wie kamst du eigentlich auf die Idee, einen verpackungsfreien Laden zu eröffnen?

Hilke: Den ersten verpackungsfreien Laden habe ich in Australien bei „Friends of the Earth“ gesehen, das hat mich sehr fasziniert. Dann habe ich im Selbstexperiment ausprobiert, wie verpackungsfrei ich überhaupt einkaufen kann. Hinzu kam eine immer stärkere Auseinandersetzung mit der Frage, „was essen wir eigentlich?“, und „wie viel hat das, was da hochverpackt im Supermarkt steht, überhaupt noch mit dem Ursprung unserer Nahrung zu tun?“ Ich habe dann immer wieder mal die Idee von einem verpackungsfreien Laden in den Raum geworfen und bin auf große Zustimmung und Begeisterung gestoßen. Bei der letztendlichen Entscheidung dieses Konzept auszuprobieren, hat mich mein Mann Tim stark unterstützt.

Du bist ja Geografin und warst vor kurzem noch wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Entwicklungsforschung, du hättest auch dort promovieren können. Warum hast du dich entschlossen, so etwas Praktisches zu tun und die Selbstständigkeit zu wagen?

Hilke: Während meines Studiums musste ich mich viel mit den globalen Problemen unseres Planeten auseinander setzen. Im Anschluss habe ich in der Klimawandelforschung in der Antarktis mitgearbeitet. Mir ist aber immer bewusster geworden, dass ich mit meiner Arbeit im Hier und Jetzt wirken möchte. Mahatma Gandhi hat gesagt: „Sei selbst die Veränderung, die Du in der Welt sehen willst“, also habe ich mich entschlossen eine Veränderung zu wagen.

Tim, du hast einen schöne Job am Institut für Lebensmittelwissenschaften, warum lässt du dich auf dieses Experiment mit dem verpackungsfreien Laden ein? Das ist ja auch ein mutiger Schritt…

Tim: Meine Stelle an der Uni behalte ich. Durch meinen Beruf habe ich viel mit Nahrungsmittelproduktion und deren Verarbeitung zu tun. Da stellt man einfach fest: Je größer die Diskrepanz ist, zwischen dem, was in unseren Nahrungsmitteln enthalten ist und dem was wir darüber wissen, desto größer wird auch der Mut.

Warum ist Euch so wichtig, dass die Lebensmittel unverpackt sind?

Hilke: Die Hauptmotivation die Reduzierung von Verpackungsmüll. Wir möchten den Fokus aber auch wieder mehr auf das Produkt selber lenken. Verpackungsfreie Nahrungsmittel sind frei von Werbung, sie können nur durch ihre Qualität überzeugen. So kann man die Lebensmittel und ihre vielfältigen Farben, Gerüchen und Geräuschen wieder mit allen Sinnen wahrnehmen und wieder bewusster und ganz nach Bedarf einkaufen.

Kohl

Wir waren einfach in den letzten zwei Jahren durch die SoLAwi einfach sehr nah an der Erzeugung. Wir haben uns  überwiegend von frischen, regionalen Produkten ernährt und erfahren, welche Freude es macht, das zu essen, was hier wächst und frisch vom Feld kommt. Daher ist uns die Zusammenarbeit mit den Erzeugern hier vor Ort besonders wichtig. Wir möchten kleine Betriebe unterstützen, die eine nachhaltige Lebensmittelproduktion betreiben und lokale und gesunde Strukturen fördern. Der Fokus unseres Frischesegments liegt in der Regionalität und Saisonalität. Und in unserem Freigeist Café zaubern wir aus diesen Produkten leckere Gerichte nach alter und neuer Tradition.

Was gibt es in Eurem Laden alles?

Hilke: Eigentlich wird es ein Tante Emma Laden, in dem es alle Nahrungsmittel des täglichen Bedarfs gibt: frisches Obst und Gemüse aus der Region, Milchprodukte, Wurst und Käse frisch von der Theke aber auch vegane Produkte und natürlich das ganze Trockensortiment wie Müsli Tee, Kaffee und Nudeln, alles in loser Form zum Selbtsabfüllen.

Tim: Natürlich bieten wir auch Kaffee an. Im CoCE –Forschungsprojekt habe ich an der Universität Waldkaffeearten aus dem äthiopischen Bergregenwald untersucht und deren Inhaltsstoffe erforscht. Wir wissen, was guten Kaffee ausmacht und bieten diesen zu solidarischen Preisen an. Zwischen unserem Röster und den Betreibern der Plantagen bestehen langjährige Beziehungen aus denen Freundschaft entstanden ist. Den Unterschied schmeckt man…

Ihr habt heute auch schon eine Lieferung bekommen, was war das denn?

Heute kam eine Lieferung indischer Gewürze, von einem Gewürzhändler, der hier ganz in der Nähe sitzt. Es sind biozertifizierte Gewürze, der Händler Peter Winkler kennt alle Gewürzproduzenten persönlich und achtet sehr auf faire Arbeitsbedingungen und eine hohe Qualität.

Und wie funktioniert das dann mit dem Einkauf?

Hilke: Man kann seine eigenen Behälter – Dosen, Tüten, Gläser – mit in unseren Laden bringen. Sie werden dann gewogen und danach befüllt. Wenn man kein eigenes Gefäß hat, kann man Vorratsdosen oder –gläser bei uns kaufen und wieder befüllen. Papiertüten gibt es auch gegen eine kleine Gebühr. Der Ertrag der Papiertüten fließt aber nicht unseren Laden. Wir starten damit einen Projekttopf, auf den sich alle Menschen bewerben können, die schöne, kreative und nützliche Ideen haben, um etwas Gutes für unsere Gesellschaft und die Menschen in Bonn zu machen. Diese Initiative wird in Kooperation mit der Transition Town Initiative Bonn-im-Wandel umgesetzt.

Ihr plant einen Laden mit solidarischer Mitgliedschaft, was bedeutet das genau?

Hilke: Die Idee der solidarischen Mitgliedschaft lehnt sich an das Konzept der solidarischen Landwirtschaft an. Die Mitglieder schließen sich zu einer Gemeinschaft zusammen und zahlen einen monatlichen Mitgliedsbeitrag. Dafür können sie zu günstigeren Preisen einkaufen. Die Idee dahinter ist, dass die monatlichen Fixkosten durch die Mitgliedsbeiträge getragen werden und wir ein Stück weit unabhängiger von Marktmechanismen und vom Zinssystem werden. Innerhalb der Gemeinschaft können wir eine nachhaltige Form der Lebensmittelversorgung realisieren.

Gibt es so etwas schon?

Hilke: Ja, es gibt schon einige Mitgliederläden in Deutschland und auch in England, zum Beispiel Community Supported Bakeries, also Bäckereien die durch einen festen Kreis von Mitgliedern unterstützt werden. Einige Mitgliederläden in Deutschland haben sogar schon Supermarktgröße. Der LPG Bio-Markt in Berlin beruht auf dem Mitgliederprinzip und hat mittlerweile die 7. Filiale in der Hauptstadt eröffnet.

Was bedeutet es denn, wenn man Mitglied ist?

Hilke: Mitglieder zahlen einen monatlich solidarischen Mitgliedsbeitrag. Dafür kann man alle Lebensmittel zu reduzierten Preisen einkaufen. An der Kasse gibt es also zwei Preise, einen für Mitglieder und einen normalen Preis für Nicht-Mitglieder. Darüber hinaus ist ein reger Austausch innerhalb der Gemeinschaft gewünscht und Ideen, Wünsche und Vorschläge von unseren Mitgliedern sind herzlich willkommen.

Was wünscht Ihr Euch jetzt noch?

Hilke: Ich wünsche mir, dass wir viele Menschen in Bonn und darüber hinaus für unsere Idee begeistern können. Vor allem wünsche ich mir, dass unser Geschäft nicht nur ein Einkaufsladen wird, sondern ein Ort der Begegnung und des Austauschs. Ein Ort, an dem gute Ideen und schöne Gedanken ausgetauscht und vielleicht auch realisiert werden, ein Ort mit lächelnden Gesichtern und offenen Ohren, ein Ort des Wandels…

Und ich wünsche Euch jetzt nur das Beste und einen Super Start!

Hilke und Tim beim Renovieren

Linktipphttp://www.freikost.de/

 

7 Antworten auf „Die Welt selbst ein bisschen ändern – 1. Bonner verpackungsfreier Laden geht an den Start“

  1. Ich bin begeistert! Habe schon länger von so einem Laden geträumt und jetzt gibts ihn bald bei mir um die Ecke- juchuu 🙂

  2. Ihr Lieben,
    ich werde morgen kommen!
    Ich freu mich sehr für euch,dass es geklappt hat und endlich los geht!
    Schön zu sehen,wenn aus sinnvollen Träumen und Ideen etwas anzufassendes entsteht.
    LG
    Eva

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*