Für ein plastiktütenfreies Bonn – Erika Luck-Haller von Abenteuer Lernen e.V. im Interview

40 Gramm kostbares Erdöl braucht so eine Plastiktüte, sie wird im Durchschnitt 25 Minuten genutzt, ist nicht abbaubar, nicht wiederverwertbar und schlichtweg Müll. Um darauf aufmerksam zu machen, wird die evangelische Johanisgemeinde in Bonn Duisdorf am Sonntag, den 15.09, ihre Kirche mit einer Haut aus zusammengenähten Plastiktüten überziehen. Die Aktion ist der fulminante Schlusspunkt des Projektes “Plastiktüte?Nein Danke!” Der Erfolg überstieg bisher alle Erwartungen – Erika Luck-Haller, Geschäftsführerin von „Abenteuer Lernen e.V.“ und Mitinitiatorin des Projekts im Interview

Wie alles anfing

Es hat als kleines Projekt in der Fastenzeit 2012 begonnen und ist nun auf die Größe einer ganzen Kirche herangewachsen. Zuerst sollte den Menschen und insbesonders den Kindern und Jugendlichen klar gemacht werden, dass es auch ohne Plastiktüte geht. Dahinter stand der Bonner Verein „Abenteuer Lernen e.V. “, der seit 2004 Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche entwickelt mit dem Ziel, dass Kinder alles selber tun dürfen und selbst Erfahrungen sammeln und dies mit dem Schwerpunkt „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“. Die positive Resonanz ermunterte die Akteure, etwas Größeres zu wagen. So bewarb sich der Verein gemeinsam mit vier weiteren Partnern als Netzwerkprojekt in Berlin beim Bundesbildungsministerium und wurden dort als eines von 30 Projekten in der Bundesrepublik ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung verbunden war eine Fördersumme von 32.000 Euro für die Umsetzung. Die Netzwerkpartner sind das Jugendamt der Stadt Bonn, die Johannis-Kirchengemeinde und das JOKI-Familienhaus in Bonn-Duisdorf, die Marie-Kahle-Gesamtschule der Stadt Bonn und die Künstlergruppe CommunityArtWorks.

Wie kam es zu der Idee, gleich eine ganze Kirche mit Plastiktüten zu verhüllen?

Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass ein sorgsamer Umgang mit Ressourcen und Ressourcenschutz ganz wesentlich ist für alle heute lebenden Menschen und auch für folgende Generationen. Unser Hauptziel ist, Bonn Plastiktüten frei zu machen, das ist natürlich ein dickes Brett, an dem wir bohren. Aber wir stoßen auf viel positive Resonanz mit unserem Anliegen. So einen Erfolg hätten wir zu Beginn des Projekts gar nicht erwartet!  Im Rahmen des Netzwerkprojektes sind seit Oktober 2012 viele kleine Projekte in Schulen, Jugendzentren, der Kirchengemeinde gelaufen. Nun sollte noch ein ganz plakatives Projekt her! So ist in der Johannisgemeinde die Idee der Kirchenverhüllung entstanden. Der Gedanke dahinter ist, was man verhüllt macht man eigentlich sichtbar und wir wollen natürlich sichtbar machen, wie unsinnig dieser Plastiktüten-Konsum ist.

Am Sonntag finden neben der Verhüllung noch andere Aktionen zu dem Thema statt, u.a. auch eine Podiumsdiskussion mit lokalen Politikern. War es schwer die Politik für Ihre Sache zu begeistern?

Die Politiker haben sich bis jetzt sehr bedeckt gehalten, was unser Projekt anging. Wir haben den Umweltausschuss der Stadt Bonn angeschrieben und haben so gut wie gar keine Resonanz erhalten. Es kam nur die lapidare Antwort, wie toll es sei, dass wir uns so engagieren. Aber für diese Podiumsdiskussion sah das anders aus. Wir haben Politiker aller Fraktionen eingeladen, da war das Engagement schon etwas größer, was sicher auch mit bevor stehenden Wahlen zu tun hat. Wir haben dort nun Zuspruch bekommen und die Eingeladenen werden auch alle kommen. Schauen wir mal was passiert!

Das mit der Plastiktüte ist allerdings auch nicht ganz einfach: Die Resonanz in der Bevölkerung ist sehr positiv, die großen Kaufhäuser sind jedoch weniger begeistert, wenn wir mit unseren Anliegen kommen. Ich denke, das hat damit zu tun, dass die Plastiktüte natürlich auch ein Werbeträger ist. Es ist wirklich schwierig, den Verzicht umzusetzen, aber wir arbeiten daran! Andere Länder haben es ja auch schon geschafft! Wir werden so schnell nicht aufgeben, wobei uns klar ist, dass es noch dauern kann, bis Bonn plastiktütenfrei ist. Aber wir hoffen, dass sich jetzt viele durch diese Aktion animiert fühlen, die Idee mitzutragen und umzusetzen.

Wer hat denn den praktischen Teil, die Näharbeiten erledigt?

Die JohannisKirchengemeinde war super engagiert. Da haben alle mit geholfen vom Konfirmanden bis zur Pfarrerin. Und sie haben es ja auch geschafft! Seit Mai sind alle fleißig dabei, alte Plastiktüten zusammen zu nähen. Jede Woche wurde genäht, in den Sommerferien sogar fast jeden Tag, so dass am Sonntag die Kirche verhüllt werden kann. Es ist zum Glück nicht der Kölner Dom, aber es ist schon viel Arbeit gewesen. Ich denke, es war die Begeisterung für unser gemeinsames Projekt innerhalb der Gemeinde, was die Helfer und Helferinnen so grandios hat arbeiten lassen.

Warum ist das Projekt „Plastiktüte? Nein danke!“ Ihrer Meinung nach so erfolgreich?

Verzichteten auf Plastiktüten kann jeder, ohne dass es ihn in seiner Lebensführung großartig einschränkt. Es ist ein überschaubarer Anfang und jeder kann mit machen. Wir wollen mit diesem Projekt natürlich darauf aufmerksam machen, dass wir allgemein sorgsam mit Ressourcen und Rohstoffen umgehen müssen. Und das gelingt über dieses kleine Beispiel. Über dieses einfache Anliegen „Plastikttüte? Nein danke!“ kommt man mit vielen Menschen ins Gespräch, jeder reflektiert direkt sein Verhalten. Hinzu kam, dass das Thema in diesem Jahr auch politisch hochaktuell war, zum Beispiel wurde das Thema der Plastiktüte-Steuer heiß diskutiert.

Und wie soll es mit dem Projekt nach dem Sonntag weiter gehen?

Eigentlich ist unser Projekt Ende September abgeschlossen, aber wir bleiben – auch als Netzwerk – natürlich weiter dran und hoffen, dass die Stadt Bonn, die sich Nachhaltigkeit ja auf die Fahne schreibt, als gutes Beispiel vorangeht und als erste deutsche Stadt plastiktütenfrei wird.

Weitere Informationen: http://plastiktüte-nein-danke.de/

Interview: Eva Klemmer

Einladung Johanniskirche

 

 

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