Ein Jahr verpackungsfreier Laden – Herzlichen Glückwunsch Hilke und Tim!

Diese Woche ist Geburtstagswoche bei Freikost Deinet. Hilke und Tim laden alle Bonner ein, mitzufeiern mit Kostproben von regionalen Produkten und Freikost-Kaffee-Keksen aus regionaler Herstellung. Wer in der Geburtstagswoche mindestens drei Produkte in eigene Behälter füllt, erhält sogar Rabatt. Letzte Woche hat sich Hilke ein halbes Stündchen Zeit genommen für einen kleinen Rückblick….

Die Frühlingssonne fällt durch die großen Fenster auf die Tische, Leonie sprüht frisches Wasser auf den Salat,  an der Käsetheke steht eine Kundin und betrachtet die Auswahl, zwei Gäste sitzen auf den Bänken und trinken Kaffee, zwei Kundinnen kommen rein und bleiben bewundernd vor dem prachtvollen Gemüsestand stehen. Ich sitze mit Hilke in der Schaltzentrale von Freikost Deinet, dem kleinen Büro hinter dem Tresen.

Herzlichen Glückwunsch Hilke! Vor einem Jahr habt Ihr eröffnet, jetzt feiert ihr Geburtstag, wie fühlt sich das ?

Es ist verrückt, dass schon das erste Jahr vorbei ist. Es ging unglaublich schnell und es ist wahnsinnig viel passiert. Auf der anderen Seite war das Jahr lang, vielleicht ist es auch ein Aufatmen, dass es geschafft ist. Das erste Jahr ist ja bekanntlich das schwerste. Auf jeden Fall ist unser verpackungsfreier Laden nun Alltag für uns geworden. Wir sind mit der Entwicklung wie alles gelaufen ist sehr zufrieden. Wir wussten ja nicht, was passiert, aber wir haben so viel Begeisterung und Zuspruch bekommen, und wirtschaftlich auch einen positiven Trend, so dass wir froh sind, dass wir diesen Schritt gegangen sind.

Was mich besonders freut ist, dass wir es geschafft haben, einen anderen Weg zu gehen mit der direkten Vermarktung von Erzeugern aus der Region. Dieser enge Kontakt liegt uns sehr am Herzen. Es ist einfach schön zu wissen, warum der Salat oder die Eier gerade kleiner sind und wie die Menschen arbeiten die unseren Käse oder das Gemüse produzieren. Das bereitet  Freude.  Es ist aber auch einfach schön zu sehen wie individuell und besonders diese regionalen Bioprodukte sind.

Was hat dich überrascht in dieser Zeit?

Mich überrascht immer wieder die Kreativität unserer Kunden, wie sie ihren verpackungsfreien Einkauf effizient und systematisch betreiben. Eine Kundin hat für ihre ganzen Gefäße das Taragewicht (Leergewicht) ausgewogen und ausgedruckt, auf Pappkärtchen geklebt, beschriftet und laminiert, damit sie die Gefäße nicht immer neu auswiegen muss. Ich habe auch mal Pfeffer direkt in die Pfeffermühle gefüllt. Neulich war hier ein Kunde mit einem Henkelmann, der in jede Etage ein anderes Lebensmittel gefüllt hat. Manche bringen auch einfach leere Lebensmitteltüten mit und füllen das gleiche Produkt wieder hinein.

Wir bekommen auch ganz viel positive Resonanz von unseren Kunden. Ich habe noch nie so viele Blumen in meinem ganzen Leben bekommen, wie in diesem Jahr. Uns wird auch immer wieder Hilfe angeboten, zum Beispiel bei der Inventur. An einem Morgen waren wir zu spät im Laden, weil wir den Schlüssel vergessen hatten. Als wir den Laden öffneten, war noch nicht geputzt und das Gemüse eingeräumt. Die erste Kundin morgens hat dann kurzerhand den Staubsauger geschwungen.

Was hat sich bei dir verändert durch ein Jahr Freikost Deinet?

Alles. Mir war mich nicht bewusst, wie anstrengend dieses Projekt sein wird. Ich habe auf jeden Fall gelernt, dass man vor so etwas ordentlich Respekt haben muss. Es sieht vorher einfacher aus, als es tatsächlich ist. Ich bin aber nach wie vor froh darüber, dass wir diesen Schritt gemacht haben. Ich kann mir auch keine Alternative dazu vorstellen. Was mich freut, ist, dass man andere Wege einschlagen kann, dass man eine andere Unternehmens- und Konsumkultur schaffen kann, wenn man davon überzeugt ist und mit Herzblut an die Sache geht.

Was hat Euch Kraft gegeben, das  Projekt durchzuhalten?

Kraft gegeben hat uns zum einen die Unterstützung, die wir von unseren Mitarbeitern, die auch zum großen Teil Familie sind; und von der Familie selber und von Freunden bekommen haben,  aber auch die ganzen netten schönen Begegnungen hier im Laden. Wir haben eine sehr nette Stammkundschaft aufgebaut, mit vielen interessanten Menschen, die hier einkaufen kommen. Das ist etwas ganz besonderes, dass wir oft Anerkennung und Zuspruch und ein Lächeln für das bekommen, was wir hier machen. Man merkt schon dass wir nicht nur ein Lebensmittelladen sind, sondern dass hier etwas anderes, etwas Zwischenmenschliches statt findet.

Und was sind Eure Herausforderungen?

Es ist immer wieder schwer, Produkte, die eigentlich in Deutschland wachsen, zu bekommen, zum Beispiel Linsen oder Hanfsamen. Gerade musste ich länger recherchieren, um einen Lieferanten für deutschen Dinkel zu finden, weil der Dinkel von Haus Bollheim aufgebraucht ist.

Und es ist auch immer wieder eine Herausforderung, dass man einen Weg und ein System findet, um die Arbeit so weit zu reduzieren, dass man darin daran nicht zugrunde geht, dass man systematische Abläufe schafft für  alle Bereiche, in so einem vielschichtigen Laden und Konzept.

Lebensmittel-Spender-Foto Gesa Maschkowski

Ein Motto von Euch ist: „Wir bringen den Hofladen in die Stadt“. Was versucht ihr anders zu machen?

Wir verkaufen das Trockensortiment lose, das ist eine Neuerfindung des kompletten Einzelhandelskonzeptes. Das beginnt mit der Lieferantenfindung, geht über gute Lagerhaltung bis hin zum Aufbau eines Hygienekonzeptes. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger ist uns, was für Produkte wir verkaufen, wo sie herkommen und wie sie produziert werden und welche Menschen mit welcher Geschichte dahinter stecken.

Wir leisten jeden Tag viel Aufklärungsarbeit, um den Kunden zu erklären, wie sich die Preise zusammensetzen und warum Produkte von kleinen Höfen häufig teurer sind, als im großen Stil erzeugte Bioprodukte. Und wenn die Kunden das hören wollen, erklären wir auch, warum es wichtig ist, dass wir die individuelle soziale und ökologische Lebensmittelerzeugung in unserer Nähe unterstützen. Beispielweise hat unser Demeter Käse Lieferant, die Edelkäsererei Kalteiche, jetzt Hühner angeschafft, die im Moment noch sehr kleine Eier legen. Für uns ist es selbstverständlich dass wir auch die kleinen Eier abnehmen, damit wir unseren Lieferanten von Anfang zu unterstützen können. Das ist natürlich erklärungsbedürftig.

Wir haben auch die Bruderhähne vom Ulmenhof vermarktet, das ist ja ein großes Thema in den Medien. Trotzdem wissen die wenigsten Menschen, dass üblicherweise die männlichen Geschwister der Leghennen umgebracht werden, weil sie kein Fleisch ansetzen. Es gibt jetzt einige Initiativen in Deutschland, die ziehen auch die männlichen Tiere groß. Das ist eigentlich nicht wirtschaftlich, weil die Tiere viel zu langsam Fleisch ansetzen, deswegen müssen auch die Eier etwas teuerer sein, sonst wären die Bruderhähne nicht bezahlbar. Es ist aber ein ganz wunderbares aromatisches Fleisch und nicht zu vergleichen mit den Masthähnchen.

Was wünscht du Dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir uns hier weiterhin gut etablieren können, und es schaffen unser Team zu festigen, damit wir vielleicht ein bisschen mehr Freizeit bekommen. Ich wünsche mir auch, dass Freikost Deinet noch mehr ein Ort des Austausches wird und wir uns weiterhin stärker mit den Erzeugern vernetzen und mit anderen Initiativen und Bewegungen, die hier im Umkreis stattfinden. Und ich wünsche mir, dass mehr Menschen das verpackungsfreie Einkaufen für sich entdecken, und einfach mal sagen, auch wenn Freikost Deinet in Duisdorf ist und ich in Beuel wohne, meinen Vorrat an Nudeln kann ich auch monatlich einkaufen.

Tipp: Warum nicht einfach mal gemütlich mit ein paar netten Leuten nach Duisdorf gondeln? Stefan Haas organisiert in unregelmäßigen Abständen Fahrradtouren zu Freikost Deinet. Bei Interesse einfach an info@bonn-im-wandel.de schreiben, auf unserem Terminkalender oder unserer Facebookseite nachsehen.

Linktipp: www.freikost.de

Interview + Fotos: Gesa Maschkowski

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